Untersuchungsbericht zum Bankenskandal
Eine Zusammenfassung der Ergebnisse des Untersuchungsausschusses können Sie hier abrufen.
Der Tagesspiegel, 4.2.2004
Der Berliner Banken-Skandal ist reif für die Bühne, findet der SPD-Politiker Frank Zimmermann – und hat ein Drama daraus gemacht
Der Skandal um die Berliner Bankgesellschaft als Drama in sechs Akten, verdichtet von Frank Zimmermann. Der SPD-Abgeordnete leitet den Untersuchungsausschuss zur Banken-Affäre im Berliner Parlament. Vorgetragen wurde das Stück allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Zimmermann berichtete seiner Fraktion kürzlich in dieser Form vom Stand der Dinge. Weil die meisten beim Bankgesellschafts- Komplex kaum noch durchblicken, hat er die Ereignisse gebündelt. Was dabei herauskam, ist zu schön, um es dem breiten Publikum vorzuenthalten. Also, Vorhang auf:
Erster Akt: Dr. Moser oder Wie ich lernte, die Zeitbombe zu lieben
Dr. Hubertus Moser wollte groß rauskommen. Er war Vorstandsvorsitzender der Landesbank und Aufsichtsratsvorsitzender der IBG, das ist die Immobilientochter der Bankgesellschaft. Der Aufsichtsrat spielt in dem ganzen Drama eine Schlüsselrolle. Moser will ordentlich Geld machen und plant, kräftig zu expandieren. Er trifft auf einen Geschäftsmann aus Bayern, Manfred Schoeps. Schoeps ist an der IBG beteiligt und hat einen prima Plan. Er will das Geschäft mit Immobilien ausweiten. Das trifft sich gut. Die Berliner Bank, die genau wie die Landesbank zur Bankgesellschaft Berlin gehört, hat nämlich gerade Probleme mit ihren Firmenkunden und freut sich über die Aussicht auf ein florierendes neues Geschäftsfeld. Die Zeitbombe beginnt zu ticken.
Zweiter Akt: Der Quantensprung
Erste Fonds werden aufgelegt. Jeder Bankkunde kann Anteile kaufen. Das Geschäft läuft schleppend an – es muss dringend angekurbelt werden. Also müssen die Fonds attraktiv gemacht werden. Anleger werden mit Traumbedingungen gelockt. 25 Jahre Mietgarantie! Über einen so langen Zeitraum garantierte Mietsteigerungen, das gab es noch nie. Und ein Rückgaberecht ohne Verluste. Und eine Höchstpreisgarantie, das heißt: Unerwartet höhere Baukosten werden nicht auf die Anleger umgelegt. Diese enormen Garantien beschließt der Aufsichtsrat 1995. Neben Moser und Schoeps sind auch die LBB-Vorstände Ulf-Wilhelm Decken und Jochem Zeelen anwesend. Das Geschäft springt an wie verrückt. Kaum ein Anleger kann widerstehen, null Risiko, sichere Gewinne, was will man mehr? Eine enorme Nachfrage setzt ein. Man braucht unbedingt mehr Immobilien, um neue Fonds auflegen zu können.
Dritter Akt: Die Kettenreaktion
Häuser! Wir brauchen Häuser! Alle Welt will zu diesen Traumbedingungen Fonds zeichnen, aber es gibt nicht genug Immobilien, um die Nachfrage seriös zu befriedigen. Immer mehr Immobilien werden gekauft, viele davon sind unrentabel. Sie bringen nicht genug Erträge, das macht die Fonds unrentabel. Es verursacht hohe Verlustrisiken – allerdings nur für die Bank, den Anlegern sind alle Risiken abgenommen. Dafür muss Geld her, also werden immer noch weitere Fonds aufgelegt, um mit den neuen Einlagen die Altrisiken abzudecken. Ein Schneeballsystem entsteht.
Vierter Akt: Das Imperium schlägt zurück
Auf diese Weise wird immer mehr Kapital benötigt. Die Banken dürfen einem einzelnen Schuldner aber nicht unbegrenzt Kredit geben, damit sich nicht bei einem Schuldner die Risiken ballen. Denn das könnte die ganze Bank gefährden. Um dies zu verhindern, sieht das Kreditwesengesetz Obergrenzen vor. Wer das Gesetz unterlaufen will, braucht also möglichst viele Kreditnehmer – um den Nachweis zu erschweren, dass es sich um einen einzigen Schuldner handelt. So kommt es zu Strohmann-Geschäften: Etliche Gesellschaften werden gegründet, zum Teil auf Vorrat. Alle möglichen Leute steigen zu Geschäftsführern auf – der Buchhalter, die Sekretärin. Aber nur zum Schein. Intern sind sie von der Haftung befreit, die Vereinbarungen liegen im Tresor. Nur die LBB-Vorstände wissen davon, und sie halten dicht. Das führt zu einem schwerwiegenden Problem: In der Bilanz werden diese Haftungsrisiken nicht ausgewiesen. Sie betragen gut 7,5 Milliarden Euro. Wegen dieser Bilanzfälschung hat die Staatsanwaltschaft gegen zwei der Bankvorstände Anklage erhoben.
Fünfter Akt: Das System Nemesis
Durch die vielen neuen Gesellschaften erscheinen viele neue Kreditnehmer, die enormen Kapitalbedarf erzeugen. Am Ende aber landet das Geld immer an derselben Stelle, nämlich bei den Fondsgesellschaften. Jetzt muss ein Weg gefunden werden, es möglichst unauffällig dorthin zu leiten. Darum kümmert sich die eigens zu diesem Zweck gegründete Firma Nemesis. Sie hat für die Kreditvermittlung vier Töchter, später kommen 23 weitere dazu: Fintech 1 bis Fintech 23. Sie dienen der möglichst unbegrenzten Kapitalzufuhr. Es entsteht der so genannte Schattenkonzern. Das Geld reicht trotzdem nicht. Viele Objekte sind gekauft, aber nicht bezahlt. Es fehlen rund 600 Millionen Euro. Nach außen sieht die IBG aber toll aus.
Sechster Akt: Das System Weihnachtsgans
Weil die IBG eine so erfolgreiche Firma ist, wollen die Vorstände von Berlin Hyp und Berliner Bank auch etwas davon haben. So wird geteilt. Die IBG ist danach nicht mehr eine 100-Prozent-Tochter der Landesbank Berlin, sondern gehört LBB und Hyp zu je 30 und der Bankgesellschaft zu 40 Prozent. Das war 1996. Zu diesem Zeitpunkt kommen auch die Vorstände von Hyp und Berliner Bank ins Spiel, Klaus Landowsky und Klaus von der Heyde. Sie sitzen jetzt im IBG-Aufsichtsrat und sind an allen größeren Immobilienkäufen beteiligt – darunter die Plattenbauten der Firma Aubis, deren Geschäftsführer Klaus Wienhold und Christian Neuling mit ihrer 40 000-Mark-Spende den Skandal mit auslösten. Die drei Banken haben für die horrenden Ankäufe Milliarden-Kreditlinien auf Vorrat eingeräumt – ebenfalls auf Beschluss des IBG-Aufsichtsrats. So steuert dieser Aufsichtsrat die Kreditvergabe in seinem Sinne. Das führt dazu, dass die Risiken nicht sorgfältig geprüft werden. Auf diese Weise wird die Bankgesellschaft von 1997 bis 2000 ausgenommen wie eine Weihnachtsgans. Um die Milliardenverluste nicht in der Bilanz ausweisen zu müssen, versuchen die Verantwortlichen noch verzweifelt, die IBG an eine Scheinfirma auf den Cayman Islands zu verkaufen. Der Verkauf wird aber nicht mehr wirksam.
Aufgezeichnet von Fatina Keilani.
29. April 2009 um 15:27 Uhr
Schlimm, aber warum haben Politiker so spät etwas gemerk, welche haben von den tollen Renditen parteiübergreifend profitiert?
mfG H. Adamaschek
14. Mai 2009 um 16:40 Uhr
Was können Sie zur Rolle des damaligen Finanzsenators Peter Kurth sagen? Kann es sein, dass die kriminellen Machenschaften nicht von der Bankenaufsicht bemerkt wurden?
28. Mai 2009 um 13:16 Uhr
Sehr geehrter Herr Müllers-Vonwirth,
der ehemalige Finanzsenator Peter Kurth war nach den Erkenntnissen des Untersuchungsausschusses an den maßgeblichen Entscheidungen zur Gestaltung der ruinösen Immobilienfonds und zur Kreditvergabe an den Schattenkonzern nicht beteiligt.
Peter Kurth war allerdings von 1997-1999 Mitglied des Aufsichtsrat der Berliner Bank sowie von 2000-2001 auch Aufsichtsratsmitglied der Berliner Bankgesellschaft und der LBB und hat in diesen Funktionen die Schieflage nicht abwenden können.
Die Arbeit der Bankenaufsicht im Verlauf der Krise der Bankgesellschaft war fragwürdig. Das Bundesaufsichtsamt für Kreditwesen (BAKred) musste bereits frühzeitig Anhaltspunkte gehabt haben, aufgrund derer es Sonderprüfungen veranlasst hat. Nach den Erkenntnissen des Untersuchungsausschusses wurde die erste Sonderprüfung zu den Fondrisiken von der Fides-Treuhandgesellschaft im Auftrag des BAKred bereits im Jahr 1997 durchgeführt.
Eine nähere Aufklärung der Rolle des BAKred bei der Aufsicht über die Bankgesellschaft konnte nicht erfolgen. Im Übrigen war es dem Ausschuss aus kompetenzrechtlichen Gründen verwehrt, die Tätigkeit des BAKred zu untersuchen. Es konnte daher nicht aufgeklärt werden, aus welchen Gründen das Aufsichtsamt nicht schon 1999, sondern erst 2001 mit der Schließung der Bankgesellschaft gedroht hat.
Mit freundlichen Grüßen
Frank Zimmermann
5. Januar 2010 um 18:11 Uhr
Guten Tag Herr Zimmermann,
Zum Berliner Bankenskandal habe ich noch folgende Fragen:
1) Hat der Käufer der Berliner Bankgesellschaft auch sämtliche Garantien übernommen, die vom Land Berlin im Rahmen des Banlenskandals übernommen werden mussten ?
2) Gibt es eine ungefähre Abschätzung, welche Kosten (abzüglich der Einnahmen durch den Verkauf) dem Land Berlin durch den Bankenskandal entstanden sind ?
Mit freundlichen Grüßen
Jan-Peter Homann
6. Januar 2010 um 19:51 Uhr
Sehr geehrter Herr Homann,
der finanzielle Schaden aus dem Berliner Bankenskandal ist noch nicht abschließend zu beziffern.
Viel hängt davon ab, ob und zu welchem Preis die Anteile des Landes an den Immobilienfonds der ehemaligen Bankgesellschaft am Markt verwertet werden können. Den bereits im letzten Jahr geplanten Verkauf hat der Senat mit Rücksicht auf die Finanzkrise gestoppt. Zurzeit ist offen, wann der Senat diese Bestände zum Verkauf anbietet.
Zu Ihren Fragen im Einzelnen:
1.
Die Garantien des Landes beziehen sich auf den gesamten Immobiliendienstleistungsbereich der ehemaligen Bankgesellschaft. Dieser Bereich ist vor dem Verkauf der Bank herausgelöst und in Landesregie übernommen worden. Der Käufer hat also keine Garantien übernommen. Nur so war es möglich, einen Verkaufserlös von 5,3 Mrd. € zu erzielen.
2.
Von diesem Erlös sind 4,6 Mrd. € zweckgebunden im Haushalt zurückgelegt für die Kosten der Landesgarantie. Davon waren bis März 2009 3,5 Mrd. € verbraucht. Von diesen 3,5 Mrd. hat das Land aber wiederum 1,5 Mrd. für den Rückkauf der Fondsanteile aufgewendet. Diese haben einen entsprechenden Wert und können deshalb nicht in die Schadensberechnung aufgenommen werden.
Der bisherige finanzielle Schaden für das Land Berlin (Stand März 2009) beträgt deshalb
1,75 Mrd € (Kapitalzufuhr an die Bank 2001)
+ 2 Mrd. € (Inanspruchnahme der Garantie)
= 3,75 Mrd. €.
Ziel ist es, die gesamte Belastung aus dem Bankenskandal durch den Verkaufserlös abdecken zu können. Aus heutiger Sicht scheint dies möglich zu sein.
Mit freundlichen Grüßen
Frank Zimmermann
6. Januar 2010 um 20:13 Uhr
Dank des freundlichen Hinweises von Cecile Beranger steht die Zusammenfassung der Ergebnisse des Untersuchungsausschusses nun wieder wie gewohnt zur Verfügung:
http://frank-zimmermann.net/wp-content/media/zusammenfassung-untersuchungsbericht-bankenskandal.pdf